wood ’n’ stones

Blog durchsuchen
Unterwegs am Bosporus Geschichten aus Istanbul

Hardrock

Wir, sechs Kerle, gehen zum Basketballspiel von Fenerbahce Istanbul gegen Emporio Armani Milano auf der asiatischen Seite. Danach fahren wir ins Zentrum von Kadiköy, um noch ein Bier zu trinken. Erst geht noch alles problemlos. Im „Karga“, das an das „Drei Besen“ von Harry Potter erinnert, sitzen wir entspannt in der Runde und warten auf die beiden Weasley-Brüder. In meinem Reiseführer steht, dass das „Arkaoda“ daneben auch besonders sein soll. Nächstes Ziel ist also die Nachbarbar. Vielleicht liegt es an unserer geballten Maskulinität. Vielleicht aber auch daran, dass ich mit meinem blauen Mammut-Skianorak voranschreite, weil meine andere Jacke gerissen ist. Zumindest schütteln die beiden Türsteher mit dem Kopf, als sie uns erblicken: „Too late.“ Es ist gerade erst halb eins. Ich versuche noch zu diskutieren, aber dieses Mal liegt es wohl nicht nur an der Sprachbarriere, dass wir nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Ist ja nicht so, dass wir hier auf eine Bar angewiesen wären, denken wir, und steuern direkt gegenüber aufs „Dunia“ zu. Vielleicht hätte ich mich dieses Mal mit der Touristen-Signaljacke nach hinten stellen sollen. Auch hier haben wir keinen Erfolg. Ich erinnere mich, von einer Hardrock-Bar in derselben Straße gelesen zu haben. Wir laufen also zum „Cingir“. Sofort werden wir herzlich hereingebeten. Gibt uns aber nicht zu denken. Wir sitzen im Untergeschoss am letzten freien Tisch, hören ACDC und trinken Bier. Warum eine Stunde später ein fast unberührter Schokoladenkuchen mit Kerzen auf dem Tisch steht, ist eine längere Geschichte. Nur so viel: Es gibt eine Gabel für den ganzen Laden. Das ist uns aber egal.


Friseur

Nach sechs Wochen in der Türkei ist es an der Zeit. Die Frisur muss wieder in Form gebracht werden – also brauche ich einen Ersatz für Jovan vom Goethekreisel. Es passt sich gut, dass Martin und Philipp gerade da sind und auch türkische Friseurerfahrung sammeln wollen. Oder besser von mir überredet wurden, dass sie es wollen. Also stolpern wir drei zum ersten Kuaför, den wir in Galata finden. Der Türke kann zwar nur begrenzt Englisch, aber er nickt, als ich „not too short“ sage. Während ich auf dem schwarzen Ledersessel sitze und im Spiegel aufmerksam jeden Schnitt verfolge, sitzen Philipp und Martin hinter mir auf dem Sofa, trinken Tee und machen Witze über mögliche neue Frisuren. Aber der Kuaför versteht sein Handwerk. Ich habe noch nie jemanden so schnell die Schere nutzen sehen. Dann lehne ich meinen Kopf zurück und er rasiert mit scharfer Klinge den Bart. Als Höhepunkt der Prozedur brennt der Kuaför meine Ohrenhaare weg, von denen ich noch nicht mal wusste, dass die existieren. Martin und Philipp sind danach dran. Philipps Haare sind nun glatt und er ist der einzige, der den Friseurbesuch am liebsten wieder rückgängig machen würde. Locken mochte der Kuaför wohl nicht allzu gerne.


Stromausfall

Nach dem Sprachkurs gehe ich abends noch zum Syrer, der die besten Falafel der Stadt verkauft. Ich sitze oben im dritten Stock und warte auf den Dürüm. Plötzlich geht das Licht aus, es ist stockdunkel. Der letzte Stromausfall vor zwei Wochen dauerte sieben Stunden, also bin ich auf alles gefasst. Draußen sind schon die Sirenen zu hören. Der Kellner kommt die Treppe hoch, lächelt uns Gästen zu und stellt eine kleine Kerze auf den Schrank. Zwei Minuten später bringt er den Dürüm. Türkisches Candlelight-Dinner. Oder besser syrisches Candlelight-Dinner. Eine halbe Stunde später ist der Stromausfall vorbei und der Dönerspieß im Erdgeschoss dreht sich wieder.


Taksi vom Taksim III

Tim und ich treffen uns am Taksim, um zum Theaterstück von Serkan zu fahren. Serkan war damals Regieassistent am Schauspiel Hannover und arbeitet jetzt als freier Regisseur in Istanbul. Weil wir spät dran sind, wollen wir uns ein Taxi nehmen. Wir steigen in das erste der Reihe ein. Und der Taxifahrer ist ein alter Bekannter. „To Dot tiyatro“, sage ich. „Können wir deutsch reden?“, fragt er. Er ist der Taxifahrer, der mich am ersten Abend in Istanbul vom Taksim zu meiner Wohnung gefahren hat. Bevor wir darüber reden können, sind wir schon da. Nächstes Mal.


Hausaufgaben

Es ist Mittwoch Mittag und in zwanzig Minuten beginnt mein Sprachkurs. Ich stehe beim Syrer und warte auf meinen Falafeldürüm zum Mitnehmen. Mir fällt ein, dass ich die Hausaufgaben noch nicht gemacht habe. Da die Falafel eh noch im heißen Wasser kochen, hole ich mein Heft aus der Tasche und lege es auf den Tresen. Klassische Aufgabe: Satzteile zuordnen. Leider habe ich ein paar Vokabeln vergessen, die Zuordnung läuft nicht ganz flüssig. Und bald beginnt der Kurs. Ich drehe das Heft um und frage den syrischen Falafelspezialisten mit Gesten, ob er mir helfen kann. Er grinst, nimmt meinen Kuli und ordnet die Sätze in zwanzig Sekunden einander zu. Dann ist mein Dürüm fertig und ich gehe zum Sprachkurs. Ohne schlechtes Gewissen, immerhin habe ich die Hausaufgaben. Im Klassenraum vergleichen wir die Übung. Von acht Satzpaaren stimmt bei mir kein einziges.


Vorgestellt

Seit zwei Monaten hole ich mir jeden Tag einen frisch gepressten Orangensaft beim Pide-Laden gegenüber. „Bir medium portakal suyu lütfen“ muss ich schon gar nicht mehr sagen. Nicken reicht.  Mit den Männern rede ich dann auf gebrochenem Türkisch über das Wetter, Fußballspiele oder das Wochenende. Heute Abend bin ich wieder da und bestelle einen Saft. Während des Pressprozesses denke ich, dass es mittlerweile eigentlich Zeit wäre, sich vorzustellen. „Adin ne?“, frage ich den etwa 50-jährigen Türken. Er strahlt. „Murat! Adin ne?“ – „Laurenz. Memnun oldum.“ Wir geben uns der Form halber die Hände. Als ich ihm danach die 3 TL für den Saft geben will, winkt er ab. „Today no, Lavren.“


Fußball

Abends um halb acht treffe ich mich mit Tim, Frederic und Georg in Tophane, um einen der vielen Fußballkäfige der Stadt auszutesten. Umgezogen und mit extra neu gekauftem Ball stehen wir nun vor dem Platz. „Da sind immer kleine Kinder, die wollen sicher mit uns spielen“, hatte Tim noch gesagt. Kleine Kinder sind da. Sie wollen aber nicht mit uns spielen. Auf Türkisch erzählt uns der etwa 13-jährige Obermacker durch den Drahtzaun, wir sollten gleich wieder gehen, weil er mit seinen Freunden noch bis acht Uhr spielen würde. Na gut, die halbe Stunde können wir warten. Während wir uns neben dem Court den Ball zuspielen, versammeln sich immer mehr türkische Jungs um uns, kicken den Ball zurück und fragen nach unseren Namen. Irgendwann ist es acht Uhr und wir wollen auf den Platz, haben die Rechnung aber ohne Mr. Ich-zeig-Erasmus-Studenten-mal-wer-hier-der-Boss-ist gemacht. Der 13-Jährige kommt wieder an den Zaun. Jetzt spiele er mit seinen Freunden noch das Rückspiel und sowieso, sein Großvater habe diesen Platz hier gekauft. Genau. Hilft alles nichts, wir kicken davor mit den mittlerweile zehn kleinen anderen Jungs weiter. Irgendwann wird es gruselig, als die 10-12-Jährigen uns mit Begriffen wie „Obama“, „Israel“ und „Muslim and you?“ befeuern und die Stimmung auf merkwürdige Weise kippt. Wir überlegen, unseren Kick zu verschieben und gehen langsam Richtung Imbiss. Hinter uns rennen johlend zehn türkische Jungs. Wir gehen etwas schneller und sind wirklich froh, beim Cig-Köfte-Mann zu sitzen und leckeren Dürüm zu bestellen. Nächstes Mal gehen wir ab neun zum Court, dann sind die Jungs hoffentlich schon im Bett.


Taksi vom Taksim IV

Ole feiert Geburtstag auf seiner Dachterrasse. Florenci aus Spanien hat selbstgemachte Tortilla mitgebracht. Und Hunger. Deshalb schlägt er vor, die Tortilla gar nicht erst in der Wohnung abzustellen und verputzt auf der Dachterrasse gleich die Hälfte. Schmeckt aber halt auch gut. Mit Blick auf den Bosporus stoßen wir mit Ole an und essen Schokoladenkuchen. Dann wollen wir in einen Club. Paolo aus Italien hat ein bisschen zu viel Schnaps getrunken, für ihn ist die Partynacht bereits zu Ende. Basti und ich müssen ihn nach Hause bringen. Wir halten ein Taxi in der Nähe vom Taksim an. Basti steigt vorne ein. Ich sitze hinter ihm, Paolo in der Mitte. Als ich bei Google Maps die Route verfolge, sehe ich, dass unser Taxifahrer erst einmal komplett in die falsche Richtung fährt. Ich versuche ihm von hinten mehr oder weniger freundlich klarzumachen, dass wir darauf keinen Bock haben. Er grummelt etwas. Meine Verhandlungsposition verschlechtert sich allerdings rapide, als Paolo auf einmal seinen Kopf nach links neigt und ins Taxi bricht. Sofort hält der Taxifahrer an. Auf offener Fahrbahn. Steigt aus, reißt die hintere Tür auf, nimmt Paolos Kopf und hält ihn fluchend nach draußen. „Sorry“, jault Paolo nur. Eine Minute später geht es weiter Richtung Osmanbey. Die Stimmung im Taxi ist nun etwas angespannt, den Ruf von Erasmusstudenten haben wir beim Taxifahrer nicht verbessert. 50 TL extra will er beim Aussteigen wegen des Zwischenfall. Wir handeln ihn auf 30 TL und bringen Paolo ins Bett. Dann nehmen wir ein Taxi zurück zum Taksim. Niemand muss brechen, wir zahlen 8 TL und gehen in den Club.


Anreise

Zum ersten Mal wird in Istanbul ein ATP-Turnier veranstaltet. Als Zugpferd geht Roger Federer an den Start, seine Antrittsgage liegt bei etwa 1,5 Millionen Euro. Ein Ticket kostet umgerechnet 13 Euro. Die „Garanti Koza Arena“ steht in einem großen Sportpark am äußeren Stadtrand, der momentan noch eine einzige Baustelle ist. Während in Deutschland wahrscheinlich drei oder vier Konzepte zur Verkehrsanbindung aufgestellt worden und der Weg an jeder Metro-Station ausgeschildert worden wäre, hilft hier das Prinzip „Fragen“. Wir fahren mit dem Metrobus nach Avcilar. „Garanti Koza Arena’ya?“ Von drei Leuten erhalte ich drei Antworten: „Walk“, „Metro back“ oder „Bus“. Schließlich nehmen wir einen Dolmus in Richtung Arena, müssen dann neben der Autobahn über eine Wiese laufen und kommen schließlich nach zweieinhalb Stunden Anreise beim Turnier an. Abends ist nicht mehr so viel Verkehr, die Rückfahrt dauert nur zwei Stunden.


Doppel

Highlight beim Tennisturnier ist nicht das Spiel von Federer gegen Nieminen, sondern ein Doppel auf dem Nebencourt. Zwei Österreicher spielen gegen einen Serben und einen Moldawier. Der Druck auf die Favoriten aus Österreich steigt und einer der beiden ärgert sich über mehrere Fehlentscheidungen hintereinander. „Are you blind or what? The ball was in the middle of the field!“, brüllt er den türkischen Linienrichter mit seinem Akzent an. Der guckt nur kurz hoch und konzentriert sich dann wieder auf die Linie.