wood ’n’ stones

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Unterwegs am Bosporus Geschichten aus Istanbul

Sex On The Beach

Mit mehreren Erasmusstudenten hatte ich Tickets für das Europa-League-Spiel Besiktas Istanbul gegen den FC Liverpool gekauft. Da das eigentliche Besiktas-Stadion gerade umgebaut wird, müssen wir etwa 90 Minuten durch das gesamte Stadtgebiet fahren. In den Metros ist kein freier Quadratmeter zu sehen. Und alle halten uns für Liverpool-Fans. Wir zeigen dann immer unsere gefälschten Besiktas-Trikots und rufen „Besiktas“. Das überzeugt. Irgendwann kommen wir endlich im Stadion an. Mit über 60.000 Menschen. Und einer Atmosphäre, wie sie noch keiner je zuvor erlebt hat. Aus den Boxen kommen vor Spielbeginn laute und basslastige Fanlieder auf Türkisch. Während des Spiels gibt es keine ruhige Minute im Stadion. Wechselgesänge, Massenhüpfen, Schalwedeln über 120 Minuten und Elfmeterschießen. Wir singen in einer Fantasiesprache mit: „Vaila, vaila, vaila, vaila, va, oooh, Besiktas“ wechselt sich mit „Lana, Besiktasem, oleee“ und anderen ab. Das musikalische Highlight gibt es aber nach Abpfiff. Keine zehn Sekunden, nachdem Liverpools Lovren seinen Elfmeter verschossen hat und Besiktas eine Runde weiter ist, dröhnt „Sex On The Beach“ aus den Boxen. Wir springen, wedeln mit den Schals, umarmen fremde Türken und singen „Sex, Sex, Sex On The Beach“. Über uns scheint der Halbmond.


Ausgespuckt

Für eine Woche sind drei Schulfreunde zu Besuch in Istanbul. Freitag Abend trinken wir einige Biere in meiner Wohnung und machen uns gegen Mitternacht auf den Weg zum Club. Gemeinsam gehen wir die überfüllte Istiklal Caddesi bis zum Taksim. Paul legt seinen Arm um mich und sagt: „Weißt du, Laurenz, diese Stadt ist ein Moloch. Sie frisst dich auf und spuckt dich wieder aus. Und es fühlt sich gut an.“


7:5

Mit Eralp, einem der Erasmus-Koordinatoren, unterhalte ich mich auf einer Party über Fußball. Es gibt wohl sogar ein Erasmus-Team. Am Montag danach schreibe ich ihn an. „Football today?“ – „Yes. 6 pm at mecidiyeköy metro station.“ Mit gepacktem Rucksack stehe ich abends an einer Kreuzung mitten in Istanbul. Wo hier eigentlich gespielt werden soll, ist mir noch nicht klar. Um Viertel nach Sechs sehe ich Eralp und zwei andere Erasmus-Studenten. „Laurenz and Marti, just go into this car. See u there“, ruft Eralp. Also steige ich in einen schwarzen BMW. Am Steuer sitzt ein kleiner Türke um die 40. „Merhaba.“ – „Merhaba.“ Wir sind zu viert auf der Rückbank. Nach einiger Zeit im Feierabendverkehr erreichen wir einen Outdoor-Kunstrasenplatz mit Flutlicht. Sieben Erasmus-Studenten spielen gegen sieben Türken zwischen 20 und 50 Jahren. Hinter dem Tor leuchten die Lichter der Stadt. Das Erasmus-Team gewinnt 7:5. Danach fahren wir wieder nach Hause.


Wir trinken Tee

In Hannover habe ich bereits einen A1-Türkisch-Kurs im Fremdsprachenzentrum gemacht. Hier würde ich die Sprache gerne weiterlernen und gehe daher zur Sprachschule „Tömer“. Dort werden aktuell ein fortgeschrittener A1-Kurs und ein Anfänger A2-Kurs angeboten. Ich muss einen Einstufungstest machen. Zuerst beantworte ich Grammatikfragen. Danach gehe ich zum „Speaking“ zu einer Lehrerin ins Büro. Das Gespräch ist relativ schnell erschöpft. Sie schreibt mir dann zwei Fragen auf einen Zettel auf, die ich im Flur beantworten soll. „Writing-Test“. Zuerst soll ich über mich und meine Familie erzählen. Ich schreibe, dass meine Mutter Lehrerin ist. Dass ich in Hannover wohne. Und: „Cay iciyoruz ve ekmek yiyoruz“. Wir trinken Tee und essen Brot. Die Vokabeln wusste ich noch. Der zweite Text soll über meinen letzten Urlaub gehen. Ich schreibe, dass ich in Paris bin (Vergangenheit läuft noch nicht ganz flüssig). Und: „Barcelona’ya istiyorum“. Ich will nach Barcelona. Beim Lesen muss die Lehrerin lachen. Fortgeschrittener A1-Kurs? „If you really study hard. Promise me.“ Ich überlege noch einmal.

 


Muezzin

Das erste Mal besuchen Bill, Ole und ich einen Kurs bei Frau Hatun Boztepe. Public Relations im öffentlichen Sektor. Der komplette Kurs ist auf türkisch und wir sind eher interessierte Beobachter als teilnehmende Studenten. Als der Ruf des Muezzins ertönt, ist erst einmal zehn Minuten Pause, weil das Minarett direkt vor dem Fakultätsgebäude ist. In dieser Zeit begrüßt uns die Dozentin. Nach dem Gebetsruf geht die Vorlesung ab der aktuellen Folie weiter.


Pinkelpause

Wir fahren nach Kappadokien. Mit etwa 100 Erasmus-Studenten in drei Bussen geht es abends in Istanbul los. Organisiert vom Erasmus Student Network (ESN) der Uni. Die Stimmung im Bus ist super, „Serefe!“ tönt es durch die Reihen. Einziges Problem ist, dass ich schon nach einer Stunde auf Toilette muss. Und damit bin ich nicht der einzige. Genau jetzt hält unser Bus neben einer Tankstelle an. Alle wollen kurz aussteigen, aber wir warten nur auf den zweiten Bus und werden in fünfzehn Minuten gemeinsam Pause machen. Unmöglich. Ich gehe nach vorne und frage, ob ich ganz kurz rausspringen darf. „Don’t leave the bus“, ruft Recep. „No chance, one minute“, sage ich. Es stehen eh noch zwei Organisatoren mit einer Zigarette vor dem Bus. „Hurry up“, ruft Recep. Dann steigen ein Franzose und ich aus und rennen zu einem Baum. Erleichert drehen wir uns eine Minute später um und wollen wieder einsteigen. Gerade sehe ich noch, wie ein großer weißer Reisebus seine Tür schließt und anfährt. Ich renne hinterher. „Kappadokien!“, rufe ich. Der Bus hält an. „That’s not your bus, Laurenz“, sagt mir Aygün. Ehm, doch? „Your bus is already gone“, sagt sie. Der Franzose und ich steigen ein. Der Puls geht schneller als sonst. „Hi, I’m Laurenz by the way.“ – „Hi, I’m Mathieu. It was the right decision.“ Naja, zehn Sekunden länger neben dem Baum und wir würden um 23 Uhr an einer Tankstelle in der Türkei stehen, während unser Gepäck gen Kappadokien fahren würde. An der nächsten Raststätte steigen wir wieder in unseren Bus. Kappadokien kann kommen. Und ich steige nie wieder aus dem Bus.


Dokal und Yussuf

Mit dem Reisebus halten wir in einem Valley in Kappadokien. Die Landschaft ist einmalig. Wir laufen durch Gesteinsformationen, die vor langer Zeit zum Wohnen genutzt wurden. Vulkanfelsen mit Eingängen und Fenstern. Heute flanieren hier Touristen mit Kameras, Orangensaft wird verkauft. Ich gehe in eine der Höhlen rein und sehe ein Loch in der Decke. Einkerbungen in der Wand dienen als Leiter und ich stemme mich mit etwas Anstrengung in die erste Etage. Hier haben es sich zwei türkische Jungen gemütlich gemacht. Die Sonne scheint auf den Felsvorsprung. „Merhaba“, grüße ich. „Hi“, sagt einer der beiden. „I just wanted to have a look“, sage ich. „Take a seat“,werde ich eingeladen. Mit meinem gebrochenen Türkisch und ihrem gebrochenem Englisch können wir uns verständigen. Dokul und Yussuf kommen aus einem Dorf in der Nähe. Wir sprechen über Schalke 04, die Sonne und Touristenströme. „Are all these tourists annoying for you?“ – „No, I like tourists“, sagt Yussuf. Und ich glaube ihm sogar, als er grinsend auf die knipsenden Touristen unter ihm blickt. Leider muss ich wenig später los. Der Bus fährt ab. Ich verabschiede mich und kletter wieder runter. Die Jungs bleiben sitzen.


Insurance

Neben dem Sightseeing ist in Kappadokien eine Quad-Tour geplant. Wir halten mit dem Bus an. Auf einer großen Sandfläche stehen 20 Quads neben einem vergilbten Schild „Quad-Adventure“. Es gibt noch eine kleine Einweisung und einen folgenden Hinweis: „These quads have no insurance. If you damage it, you have to pay for it“, erklärt der Besitzer. Alles klar. Ab aufs Quad. Wir brettern mit den Dingern durch Kappadokien. „One by one“ wird nur begrenzt eingehalten. Später im Bus erfahren Ole und ich, dass die anderen zu Beginn sogar noch auf einem Zettel unterschrieben haben. Ging um Schadenersatz. Den hatten wir gar nicht gesehen. „War aber eh wie auf einer Geburtstagskarte“, meint Markus.


Urkunde

Morgens um 5.15 Uhr ist Treffen in der Hotellobby für die, die den Heißluftballonflug mitmachen möchten. Nach der Party am Abend zuvor und etwa zwei Stunden Schlaf liegen alle in den Sofas und schlafen weiter. Um kurz vor sechs werden wir mit zwei Transportern abgeholt. Auf irgendeinem Feld halten wir an und trinken Tee, während der Heißluftballon vorbereitet wird. Dann klettern wir zu zwölft in den Korb und steigen bei Sonnenaufgang in die Luft. Mit uns etwa fünfzig andere Ballons über Kappadokien. In allen Farben und Höhen. Wir gleiten über die Felslandschaft und braune Felder. Nach etwa einer Stunde landen wir wieder auf einem Feld. Der Transporter steht unten bereits. Der Fahrer baut einen Klapptisch auf und schenkt Sekt mit Kirschsaft ein. Wir stehen irgendwo in Kappadokien um 8 Uhr morgens und stoßen an. Dann bekommen wir jeder eine Urkunde für den Ballonflug. Mit Namen. Auf meiner steht „Caurenz Schreiner“. „Is it wrong?“ – „No, it’s fine.“


Derby

Die Rückfahrt nach Istanbul beginnt. Drei weiße Reisebusse rollen am Nachmittag aus Kappadokien los. Eine Stunde später machen wir Pause an einer Raststätte. Nach der Weiterfahrt bleibt der zweite Bus 200 Meter später am Seitenstreifen stehen. Panne. Also fahren wir alle wieder zurück zur Raststätte. Um 19 Uhr beginnt das Derby Fenerbahce gegen Galatasaray. Etwa fünfzehn Männer drängen sich um Eralps iPad, um einen Blick aufs Spiel zu erhaschen. Der Busfahrer ist auch dabei. Nach dem Spiel müssen wir noch etwa eine Stunde warten. Dann ist der zweite Bus repariert und wir starten erneut. Istanbul erreichen wir um 6 Uhr morgens.