wood ’n’ stones

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Unterwegs am Mar Caribe Geschichten aus Kuba

Entertainment

Pipo und ich treffen uns am Gate in Köln, von hier wollen wir direkt nach Kuba fliegen. Doch die Reise beginnt mit einer Enttäuschung: Für das Entertainment-Programm bei Eurowings muss man 9,99 Euro zahlen. Wir entscheiden uns dagegen, ist ja viel zu teuer. Und investieren das gesparte Geld in je zwei Dosen Bier. Setzt man diese Entscheidung in Relation zu den 10 ½ Stunden Flug, hätten wir von der großen Filmauswahl vielleicht mehr gehabt als von 0,66 Liter Warsteiner für den gleichen Preis. So bleibt immerhin genug Zeit, den Reiseführer zu lesen und eine Route für die nächsten zwei Wochen zu überlegen.


Geldwechsel

„Zur Flughafenabholung: Ihr werdet von einer älteren (blonden) Frau mit blauen Augen abgeholt. Ihr Name ist Sonia“, war die letzte Nachricht, die ich in Deutschland noch empfangen hatte. Eine Freundin, die schon einmal auf Kuba war, hatte uns ein Zimmer in Havanna vermittelt und sich auch um die Abholung vom Flughafen gekümmert. Und als wir endlich durch die Passkontrolle sind und nach einer Stunde unser Gepäck haben, sehen wir tatsächlich eine ältere blonde Frau mit einem Schild „Laurenz“ in der Empfangsschleife. „Hola“, „Hola“, zack zack, Sonia will jetzt endlich los. Dabei müssten wir noch Geld wechseln, aber weil es nur einen Schalter für die beiden Flüge aus Köln und Brüssel gibt, stehen bestimmt achtzig Menschen in der Schlange. Wir könnten auch ohne Probleme später Geld wechseln, meint Sonia. Also fährt sie los – erst noch auf einen Kaffee bei sich zu Hause vorbei, dann zu unserer Unterkunft. Es ist nun zwanzig Uhr und nirgendwo können wir Geld wechseln, doch wir haben Hunger und wollen noch ins Zentrum fahren. Auf einmal kommt der Nachbar von unserer Gastmutter auf die Straße und wedelt mit ein paar Scheinen. „Guys, how much do you need? I can change Euro.“, meint er. Wir tauschen erst einmal 50 Euro in 53 CUC. Ich bin skeptisch wegen seines Wechselkurses, aber wir müssen nun etwas essen und brauchen sowieso ein bisschen Geld. Am nächsten Morgen sehen wir am Wechselkurs der Bank: 50 EUR = 53 CUC.


Ronaldo erklärt das Leben

Im malerischen Viñales laufen wir bei Mittagssonne durch die Tabakfelder. Bei einer großen Plantage halten wir und probieren eine frisch gedrehte kubanische Zigarre. Dazu reicht der Plantagenbesitzer großzügig durchsichtigen Rum aus der Plastikflasche, das Glas säubert er zuvor mit ein paar Tropfen Wasser und reibt es dann in seinem Hemd trocken. Leicht angeheitert kaufen wir ihm jeder direkt fünfzehn Zigarren ab und laufen weiter. Irgendwann erreichen wir eine stockdunkle Höhle, vor der ein paar kubanische Männer sitzen. Uns führt dann ein kleiner kubanischer Junge mit riesiger Taschenlampe durch das Dunkel. Als wir wieder draußen sind, meint er: „Yo voy con vosotros.“ Dabei wissen wir noch gar nicht, wohin wir wollen. Kein Problem, ab jetzt sind wir zu dritt, zwei deutsche Studenten mit Caps und Laufschuhen und ein kleiner kubanischer Junge mit Strohhut und Gummistiefeln. Der Junge stellt sich als Ronaldo vor, sei aber nicht zu verwechseln mit dem Fußballspieler Cristiano Ronaldo. Ach so. Er ist zwölf, kommt direkt aus Viñales und war heute schon in der Schule. Seine Nachmittage verbringt er am liebsten bei der Höhle. Ob wir denn schon Kinder hätten, fragt Ronaldo. Ne, wir sind doch erst 23, meine ich. Er lacht laut: „Pfff, veintitrés?“ Dann werde es Zeit für uns, meint er. Wir unterhalten uns eine halbe Stunde über Fußball (Real Madrid sei ja sowieso der einzig wichtige Verein), Alkohol (an seinem letzten Geburtstag durfte er das erste Mal einen Schluck Rum probieren) und Frauen (kubanische Frauen seien für ihn die schönsten der Welt). Irgendwann müssen wir uns verabschieden – wir gehen zurück zu unserer Casa, Ronaldo bleibt zwischen den Tabakfeldern stehen und grinst uns unter dem Strohhut an. Er kaut auf einem Grashalm.


Realer Kitsch

In der Nähe von Trinidad liegt ein „idyllischer“ Nationalpark mit einem „lieblichen“ Wasserfall. Steht zumindest im Reiseführer. Also fahren wir mit Parker aus Utah, Jackie aus LA und Natalie aus Tallin in einem verbeulten hellblauen Tschaika über die holprigen Feldwege. Vom Parkplatz wandern wir dann eine Stunde an einem Fluss entlang zum Wasserfall. Und der ist wirklich wunderschön, er mündet in einem grün-blauen Wasserbecken, vielleicht fünfzehn andere Menschen sind da. Wir schwimmen unter dem Wasserfall, springen von den Felsen und trocknen schnell von der Sonne. Neben uns sitzt Martin aus den Niederlanden, der für sechs Wochen mit dem Fahrrad durch Kuba reist, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen. Habe er sich manchmal leichter vorgestellt, meint er und lacht. Irgendwann unterhalten wir uns über unser Leben außerhalb von Kuba. Martin ist dreißig, hat vor Kurzem seinen Job als Entwickler für Baller-Computerspiele gekündigt und sucht nun etwas Neues: „The games business is fun, but maybe I want to do something more meaningful. I don’t know yet.“ – „Excuse me?“, fragt auf einmal eine weibliche Stimme mit amerikanischem Akzent hinter uns. „Sorry to interrupt you guys“, meint eine etwa fünfzigjährige Frau, die mit ihrer Familie unterwegs ist, „I just listened to your talk. I was also working in the games business for years and I couldn’t stand it anymore, so now I am working as a landscape architect. And it’s great! So it’s possible to do something new. I just wanted to tell you: Keep on searching for your dream job! Come on, let me give you a hug!“ Wir lachen, Martin steht auf und die beiden umarmen sich am Wasserfall in Südkuba. „So, have a great day, bye“, sagt sie. „Bye.“


Wifi

Kuba ist einer der wenigen Orte auf der Welt, an denen es kein Internet gibt. Zumindest nur sehr wenig. Vodafone hatte Pipo vor unserer Abreise ein besonderes Angebot gemacht: „Mit unserem ReisePaket Data surfen Sie mit Highspeed für nur 29,99 Euro pro Tag. Sie haben die volle Kosten-Kontrolle mit 10 Frei-MB.“ Kuba zählt damit neben zehn anderen Ländern wie Bahamas, Grönland und den Kapverdischen Inseln zur teuersten Kategorie von Vodafones ReisePaket Data-Programm. 10 Frei-MB: Davon könnte man fast fünf Lieder bei Spotify streamen, Pipo entschied sich dagegen. Und mittlerweile reisen wir seit einer Woche ohne Internet – und ohne Ahnung von der Saarland-Wahl, Trumps Tweets und den Bundesliga-Ergebnissen. Nun ist es aber soweit, in Trinidad wohnen wir direkt neben einem der zwei einzigen Parks, wo es einen Hotspot gibt, die Versuchung ist zu groß. Im staatlichen Telekommunikationsladen kosten die Internetkarten 2 CUC, etwa zwei Euro, pro Stunde. Jetzt hat er geschlossen, es ist sechs Uhr. Kein Problem, einmal im Park kommt direkt ein jugendlicher Kubaner auf mich zu: „Wifi? One hour, 3 CUC.“ Ich kaufe eine Karte, rubble das grau verdeckte Passwort frei und setze mich neben die anderen fünfzig Touristen, die auf ihre Handys starren.


Wassersuche

Von Trinidad wollen Pipo und ich weiter nach Santa Clara reisen. Mittags verabschieden wir uns von unserer Gastmutter Irma, verlassen mit unserem Gepäck die Casa und suchen ein taxi colectivo. Schon nach hundert Metern auf dem Kopfsteinpflaster spricht uns ein Kubaner an: „Santa Clara, chicos?“ Henry ist nicht nur ein netter Typ um die dreißig, sondern er hat auch noch das coolste Auto der Stadt: Einen hellblauen Oldtimer mit silberner Stoßstange, am Rückspiegel baumeln zwei Duftbäume und ein laminiertes Foto seines Sohnes. Drei Stunden wird unsere gemeinsame Fahrt gen Norden nun dauern, aus den Boxen schallt Reggaeton. Nach zwei Stunden hält Henry an einer Tankstelle. „Agua“, sagt er und steigt aus. Pipo und ich bleiben beim Wagen und machen peinliche Fotos mit dem Auto, die uns vor Henry unangenehm gewesen wären. Der kommt ein paar Minuten später wieder – mit einem Bier in der Hand. „No hay agua aquí“, meint er. Alles klar, an der Tankstelle gibt es also kein Wasser, aber Bier. Wir steigen ein, es geht weiter. Henry trinkt das Bier ohne abzusetzen aus, schmeißt die Glasflasche aus dem Fenster und dreht die Musik auf.


Tanzkurs

Unsere Gastmutter in Santa Clara gibt uns Tips für die Nacht. Wir müssten unbedingt in den Club „Mejunje“ gehen, meint sie. Mein Spanisch-Wörterbuch übersetzt „Mejunje“ sowohl mit „Mixtur“ als auch mit „Gesöff“. Optimal. Der Club hat einen sehr großen Innenhof, weiße Graffitis strahlen von den dunkelroten Wänden. Es läuft basslastiger Reggaeton. Wir holen zwei Mojitos, wagen uns auf die Tanzfläche und versuchen, uns unauffällig dem Tanzstil der Kubaner anzupassen. Es klappt nicht. Nach dem ersten Song kommt ein Kubaner zu uns, schüttelt lachend den Kopf und erklärt uns die einfachsten Tanzschritte. Wir danken und geben unser Bestes. Das überzeugt anscheinend nicht: Nach fünf Minuten kommt eine Kubanerin und erklärt noch mal.


Rainer

Auch wenn Pipo und ich tänzerisch im „Mejunje“ nicht überzeugen konnten, verlassen wir den Club nicht alleine: Rainer Mecaina ist mit dabei. Rainer ist Kubaner, hat lange schwarze Locken und trägt einen kleinen Strohhut. Er hatte uns an der Bar gefragt, ob wir aus Deutschland seien, so kamen wir ins Gespräch. Weil das „Mejunje“ jetzt gerade schließt, will er mit uns noch einen Burger am Marktplatz essen gehen. „Best burger of the world there“, meint Rainer, „I am Rainer Mecaina, everybody here knows me.“ Beim Burgeressen auf der Parkbank bin ich dann doch neugierig, warum unser neuer kubanischer Freund einen so urdeutschen Namen hat. „My father loved Rainer Maria Rilke. He was a poet, maybe you heard of him“, erklärt Rainer. Klar kenne ich Rainer Maria Rilke – aber viel wichtiger: Jetzt kenne ich auch Rainer Mecaina. „Let’s drink a beer“, meint der.


Shaky

Da Programme wie Spotify oder YouTube nicht genutzt werden können, tauschen viele Kubaner per USB-Sticks die Musik aus, die den Weg ins Land geschafft hat. Die Vielfalt an ausländischen Popsongs ist auf Kuba deshalb gering – und in jedem taxi colectivo laufen dieselben zwanzig Reggaeton-Songs in Dauerschleife. Nach zwei längeren Taxifahrten haben Pipo und ich einen Ohrwurm von einem Song, dessen Text fast ausschließlich „Shaky, Shaky, Shaky, Shaky“ lautet. Wir müssen den Song also jetzt unbedingt auftreiben. In einer kleinen Pizzeria in Santa Clara arbeiten zwei Jungs in unserem Alter. „Do you know a song called Shaky, Shaky, Shaky?“, frage ich sie. „Yeees, shaky, shaky, shaky, shaky, shaky, shaky“, singt einer der beiden, „Daddy Yankee! I can send you!“ Wie soll er mir das denn jetzt schicken? Wir haben doch beide kein Internet? „How?“, frage ich. – „Bluetooth, bro“, meint er und verbindet unsere Handys.


Friseur

Pipo hatte schon lange Locken, als wir im Flugzeug nach Kuba saßen. Ein Friseurbesuch wäre also keine völlig vermessene Idee gewesen, doch er entschied sich dagegen. Auch weil die Kubaner seine Haare gerne mochten. Unsere Gastmutter in Santa Clara lobte ihn dafür und eine junge Verkäuferin in Havanna meinte zu uns, dass Pipo ja leider kein Wort Spanisch sprechen, dafür aber am besten aussehen würde.

Von Kuba geht unsere Reise nun weiter in die USA. Nach dem dreistündigen Flug von Havanna nach New York City verlassen wir den Flieger. Der amerikanische Steward, etwa fünfzigjährig, verabschiedet freundlich die Passagiere: „Bye“, „Thank you“, „Have a nice day“, „Bye“, „See you“, „Thanks“, „Bye Bye“. Dann gehen wir an ihm vorbei. Er hält kurz inne und mustert Pipo. „Man, you definitely have to go to the hair dresser. I am serious“, sagt er dann. Willkommen in den USA!