wood ’n’ stones

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Unterwegs am Bosporus Geschichten aus Istanbul

Taksi vom Taksim

Donnerstag Abend. Ole und Claudia werden beim Taksim-Platz von ihren jeweiligen Mitbewohnern abgeholt. Ich muss noch zum Galata Tower laufen. Wegen des 40 Kilogramm schweren Gepäcks nehme ich mir ein Taxi. „Here is the address“, fange ich an. „Können wir deutsch reden?“, fragt der Taxifahrer. Gerne. Ich will mich anschnallen, finde aber keinen Gurt. „Sowas brauchst du in Istanbul nicht“, meint der Taxifahrer und rast die Hügel der Stadt herunter. Hätte ich doch gebraucht. Dann stehen wir im Stau. Dreißig Minuten mindestens. Alle zwanzig Sekunden kommen wir einen Meter nach vorne. Er hupt dann immer vor Freude. „Warum ist das hier heute so voll? Ist das immer so?“, frage ich. „Das ist Istanbul“, sagt er.


Morgen

Für einen Brief, den ich abschicken möchte, brauche ich eine Briefmarke und gehe nachmittags zur Poststation. Davor steht ein Mann in Uniform. „Excuse me, do I get a stamp here?“, frage ich. „Closed“, sagt er. „Okay. Can I get a stamp anywhere else?“, frage ich. „No“, sagt er. „When do you open again?“, frage ich. „Tomorrow“, sagt er.


Schokoladendessert

Nach ausgiebigem Frühstück gehe ich mit meinem Mitbewohner Celal in die Stadt. Wir suchen einen Copyshop und einen Briefumschlag. Außerdem wollen wir ein Dessert essen. Der erste Copyshop hat geschlossen, der nächste ist weit weg. „Wir gehen erst einmal etwas essen“, sagt Celal. „Wollen wir nicht erst zum Copyshop und einen Briefumschlag kaufen und dann etwas essen“, frage ich. Er verdreht die Augen. „Das ist das Komische an euch Deutschen“, meint er. „Erst mal alles erledigen und dann ausruhen. Die Woche arbeiten und am Wochenende entspannen. Warum? Wir leben, feiern, essen und arbeiten zwischendurch. Und da wir jetzt Lust auf ein Schokoladendessert haben, setzen wir uns in Café“. Zum Copyshop gehen wir danach.


Frisch gepresst

Gegen fünf Uhr morgens verlasse ich die Rooftop-Bar und laufe nach Hause. Die Istiklal liegt fast menschenleer vor mir. In drei Stunden wird hier schon kein Durchkommen mehr sein. Alle Läden sind geschlossen, aber zehn Meter vor meiner Haustür brennt noch Licht. Für mich unerklärlich, aber die Saftbar hat noch auf. Ich hole mir einen frisch gepressten Orangensaft und gehe in meine Wohnung.


Schwere Entscheidung

Bei den Erasmus-Veranstaltungen ist Smalltalk elementar. Neben Einstiegsfragen wie „Where are you from?“ oder „What are you studying“ ist „Why did you choose Istanbul for Erasmus?“ eine der spannenden Gesprächsöffner. Und kann überraschende Antworten liefern. Für viele sind das Kennenlernen der neuen Kultur oder die Herausforderung, in einer Weltstadt mit mehr als 15 Millionen Einwohnern zu leben, die Gründe. In Ländern wie Frankreich, Spanien oder England sei man schon gewesen.

Justin aus Gent hatte keine allzu schwere Entscheidung bei der Wahl des Erasmus-Ortes. Für ihn gab es vom Erasmus-Programm seiner belgischen Uni einzig die Auswahl zwischen Istanbul und Braunschweig.


Kaktus

„Let’s have a whiskey together“, lädt mich mein türkischer Mitbewohner ein. Alles klar, es ist etwa zehn Uhr abends. Wir setzen uns ins Wohnzimmer. Es riecht dank der Räucherstäbchen wie in einem türkischen Café, sehr angenehm. Er klickt noch ein bisschen am Laptop und dann genießen wir die Drinks. Ich sitze in Istanbul, trinke Whiskey, gucke aus dem Fenster auf den beleuchteten Galataturm, in der Nase die Würze der Räucherstäbchen und aus den Boxen kommt „Mein kleiner grüner Kaktus“ von den Comedian Harmonists.


Stadionbesuch

Zu einer der prächtigsten Moscheen zählt die Süleymaniye-Moschee. Auch Touristen können hier jederzeit reingehen. Ein „Moschee-Guide“ kommt direkt auf uns zu und erklärt die Architektur und die Besonderheiten dieses Prachtbaus. Danach geht er noch genauer auf das Beten an sich ein. „Here you come to pray with others. Then you can concentrate better. You know it from your football club. If you go to the stadium in a group, you can concentrate much better.“ Ich erinnere mich, wie ich manchmal alleine auf der Westtribüne von der HDI-Arena saß und verstehe seinen Vergleich.


Tayfun

Beim Mittagessen interessiert sich der Kellner dafür, woher wir kommen. Als wir „Germany“ sagen, zieht er direkt die Verbindung zu Mercedes und Bayern München. Wenn ich in anderen Gesprächen noch die Stadt „Hannover“ fallen lasse, leuchten die Augen der Türken. „Ah, Tayfun Korkut! Hannover Ninetysix!“ Der türkische Trainer hat meinen Lieblingsverein hier bekannt gemacht.


Handtuch

Da das Gepäcklimit bei dreißig Kilo lag, habe ich nur ein Handtuch mitgenommen. Um ein zweites zu kaufen, gehe ich in den Stoffladen in meiner Straße. „Is it for you or as a present? Because if it’s for you, you should take this better one“, erklärt mir der Verkäufer. Er sorgt sich um mich. Und dann mache ich alles falsch, was ich in meinem Reiseführer übers Feilschen gelernt habe. Ich suche mir direkt eins aus statt erst einmal uninteressiert mehrere Handtücher zu inspizieren. „Kac lira?“, frage ich ihn. „Thirtyfive“, meint er. Recht teuer, denke ich und versuche vorsichtig zu handeln: „Is it possible to get it for thirty?“ Ich klinge unsicher dabei. „No, it’s not possible“, sagt er. Statt weiter zu verhandeln oder hinauszugehen sage ich „Okay“ und kaufe das Handtuch für 35 Lira. Einen Tag später sehe ich das gleiche in einem anderen Laden für 19 Lira. Feilschen muss ich noch lernen.


Gepäck

Das Gewicht des Gepäcks ist für jeden Erasmusstudenten limitiert. Da muss ein jeder genau überlegen, was er mitnimmt oder zu Hause lässt. Ein Belgier hat seine Playstation mitgenommen. Und dafür weniger Kleidung. Hat in der Wohnung in Istanbul allerdings keinen Fernseher. Und müsste sich jetzt für 400 Euro einen kaufen. Hat dann aber nicht mehr genug Geld, um sich neue Kleidung zu kaufen.

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