wood ’n’ stones

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Unterwegs am 淡水河 Geschichten aus Taipei

Präsentation

Eine Gruppe taiwanischer Schüler kommt zu Besuch ins Goethe-Institut. Sie lernen Deutsch, deshalb halte ich einen kurzen Vortrag über das Leben in Deutschland. Statt trockener Fakten zu Größe, Bildungssystem und politischen Zusammenhängen erzähle ich ihnen von einem typischen Tag eines Studenten in Hannover, zeige Bilder von der Uni, von “Happy Döner” als Stammlokal, von Kiosken und “Limmern” in Hannover und schließlich von der Glocksee. Das ist nun einmal die Lebensrealität eines Studenten. Dann erwarte ich ihre Fragen. Zögerlich melden sich nacheinander drei Schüler. “Wie viel Prozent der Schüler machen in Deutschland Abitur?”, “Was machen Schüler, die kein Abitur machen?”, “Wie lange muss man auf seinen Studienplatz warten?” sind die drei Fragen. Inhaltlich war mein Vortrag also nicht ganz passend konzipiert, niemand interessiert sich für die leckere Cocktailsauce vom besten Dönerladen Hannovers. Naja, zum Schluss macht jeder ein Selfie mit mir.


Lemon Tree

Wegen des Drachenbootrennens gibt es zwei Feiertage und so fliege ich für ein verlängertes Wochenende nach Tokio. Dort treffe ich Alice, die für eine Summerschool in Japan ist. Sie kennt einen deutschen Austauschstudenten in Tokio, zusammen mit ihm und seinen Freunden gehen wir abends in eine Izakaya, eine japanische Kneipe. Wir müssen vorher die Schuhe ausziehen und setzen uns dann an die breiten Holztische. Zum Alkohol wird japanisches Essen serviert, wie Tapas in Spanien. Die Stimmung ist ausgelassen, am Nachbartisch feiern japanische Geschäftsmänner. Nach einem Zwischenstop im Studentenwohnheim landen wir dann in einer Karaoke-Bar. Wir kriegen einen privaten Raum und singen die Klassiker von den Backstreet Boys und Oasis. Am frühen Morgen schläft die Hälfte der internationalen Runde auf den Sofas. Beim Abschlusslied “Lemon Tree” öffnet zumindest der Schwede noch einmal halb die Augen und summt mit. Dann verlassen wir die Gesangshölle und laufen ins Hostel. Die Sonne geht hinter Tokios Wolkenkratzern auf.


Kapsel

In Tokio leben knapp zehn Millionen Menschen auf engem Raum. Daher wird überall versucht, Platz zu sparen. Kapselhotels sind dafür das beste Beispiel. In einem großen Raum ist Platz für 40 Menschen. Das Hostelzimmer für die Nacht ist zwei Quadratmeter groß und gut abgetrennt von den anderen Kapseln. Am Kopfende gibt es eine Steckdose, einen Wecker und eine Lampe. Man kann fast aufrecht sitzen. Optimal für eine Übernachtung. Als ich frühmorgens nach der Karaoke-Nacht den Raum betrete und in meine Kapsel klettern will, gucken aus vielen Kapseln die Füße raus. Andere westliche Touristen sind also auch da.


Überleben

Von Tokio fahren wir nach Fuji-City. Wir wollen hoch auf den Fuji-san. Der Fuji-san ist der Mount Fuji, der größte Berg Japans, ein schlafender Vulkan. Er schläft schon seit über 300 Jahren. Für die Japaner ist der Fuji-san ein Nationalheiligtum. Auf jeder zweiten Wasserflasche in Japan sieht man ihn, in der Metro kommt kaum ein Werbeplakat ohne den perfekten Vulkankegel mit einer verschneiten Spitze aus. Bei WhatsApp gibt es sogar ein eigenes Emoji von ihm. Am kleinen Bahnhof in Fuji-City gehen wir in die Touristeninformation. Wir wollen morgen auf den Fuji, erklären wir der freundlichen Dame hinter dem Tresen. Hm, wir wüssten aber schon, dass der nur im Juli und August offiziell geöffnet ist? Schließlich ist es in den anderen Monaten zu gefährlich, das Wetter ist unvorhersehbar, die Hütten sind geschlossen. Touristen sind sogar schon umgekommen dort oben, sagt sie. Ja, aber wenn, also nähme man einmal an, man würde schon im Juni hochwandern wollen, also wäre das möglich, wie könnten wir zum Startpunkt gelangen, natürlich nur eventuell, wir wollen uns ja erst einmal nur informieren, was gäbe es da für Ideen? Sie empfiehlt uns ein Taxi, nutzt dabei aber weiterhin sorgfältig den Konjunktiv: Also wenn man das machen würde, was sie natürlich nicht empfehlen würde, dann könne man mit einem Taxi dieses Unternehmens dort hochfahren. Dies sei die Nummer für Touristen, die das wirklich machen wollten. Wir sind glücklich, bedanken uns und wollen wieder gehen. „Take care, guys! And please, if you really do that, come to me afterwards. Please!“, ruft sie uns hinterher, wohl dann doch mit der Erkenntnis, dass sie gerade zwei nicht allzu erfahrenen Wanderlustigen den Weg zum geschlossenen Fuji-san gezeigt hat.

Am nächsten Morgen kommt um 6:30 Uhr das Taxi, um 7:30 Uhr sind wir am Startpunkt und um 12:30 Uhr blicken wir vom Gipfel auf 3776 Metern Höhe bis zum Meer. Wir sind über den Wolken, fallen uns erschöpft in die Arme und snacken mitgebrachten Sushi. Der Weg ist zwar lang, aber keinesfalls gefährlich. Am nächsten Tag fahren wir wieder zurück nach Tokio. Am Bahnhof in Fuji-City gehen wir noch kurz in die Touristeninformation. Als die Schiebetür aufgeht, guckt uns unsere japanische Helferin erleichtert an. „You did it! I am so happy you survived!“, ruft sie mit einem leichten Hang zur Übertreibung. Ihr Beschützerinstinkt setzt sofort wieder ein, als sie meinen Sonnenbrand sieht. „You have to use after sun lotion!“, rät sie mir. Mache ich. Wir verabschieden uns und gehen zum Zug.


Nackt

Nach den Anstrengungen der Wanderung wollen wir am nächsten Tag in einem Onsen entspannen. Da das ganze Land auf vulkanischem Gebiet liegt, entspringen überall heiße Quellen (auf japanisch Onsen). Also fahren wir mit dem Zug in den Hakone-Nationalpark und dann mit dem Bus zu einem traditionellen Onsen im Freien. Der Onsen ist nach Geschlechtern aufgeteilt, es wird nackt gebadet. Alice und ich verabschieden uns am Eingang und schon zeigt mir ein älterer Japaner den Weg zum Umkleideraum. Wobei Umkleideraum der falsche Ausdruck ist, denn schließlich sind ja eh alle nackt und es ist vielmehr ein offener Auskleideraum. Er versucht, mir auf Japanisch und mit vielen Gesten den Badeablauf und die einzelnen Becken zu erklären. Ich verstehe gar nichts und laufe direkt in den Körpertrockner, weil ich ihn mit der Dusche verwechsle. Der japanische Bademeister kommt wieder zu mir, murmelt etwas auf Japanisch und bringt mich zu den Duschen. Ich bin der einzige Tourist im Onsen. Dann setze ich mich in eines der heißen Becken zu den japanischen Männern, lege mir wie sie ein kleines Handtuch mit kaltem Wasser auf den Kopf und fühle mich wie in einer Badewanne. Nach einer Stunde verlasse ich die Becken und stehe wieder im Körpertrockner. Dieses Mal ist es aber richtig so.


Männer-WG

Nach zwei Wochen in einer Übergangswohnung wird endlich das Zimmer in meiner Wunsch-WG frei. Meine Wunsch-WG ist es nicht wegen der Mitbewohner, denn die kenne ich noch gar nicht. Meine Wunsch-WG ist es eigentlich nur wegen des eigenen Kühlschranks im Zimmer. Als ich der Vermieterin bei der Besichtigung überglücklich erzählt habe, dass ein Kühlschrank im Zimmer ein Kindheitstraum von mir sei, hat sie mich etwas irritiert angeguckt und ich habe direkt versucht, meine kindische Freude zu zügeln. Die Zimmer werden wegen der ständig wechselnden Bewohner nur einzeln vermietet, WG-Castings gibt es nicht. Jetzt ist Montagabend und ich höre Stimmen im Flur, die Mitbewohner sind also da, dann mal vorstellen und gucken, wer hier sonst noch lebt.

Da wären: Ramez, ein French Lebanese aus Paris, der als Praktikant bei einem französischen Dessert-Startup arbeitet, das Crème brûlée und Macarons in Taiwan populär machen will, Igor aus Moskau, der Chinesisch lernen und eine Gesangskarriere beginnen möchte, Jerry aus Virginia, der zwar schon seit zweieinhalb Jahren da ist, aber nicht genau erklären kann oder will, was er in Taipei eigentlich macht, und ich, ein Deutscher in einer türkisen Flamingo-Badehose. Als erste WG-Aktion bringen wir gemeinsam den Müll raus.


Schulbesuch

Lin, eine studentische Hilfskraft im Goethe-Institut, unterrichtet jeden Freitag an einem Gymnasium Deutsch. Da die letzte Stunde vor den Sommerferien ansteht, fragt sie mich, ob ich nicht mitkommen will, um Fragen zu Deutschland zu beantworten. Klar. Also stehe ich vor 15 taiwanischen Schülern, stelle mich kurz vor und erzähle ein bisschen über die Institution “Kiosk” und die Europameisterschaft. Lin hatte den Schülern die Aufgabe gegeben, zu Hause Fragen an mich aufzuschreiben. Auf dem Zettel des Mädchens in der ersten Reihe steht eine einzige Frage: “Willst du ein Foto mit mir machen?”


Mitternachtsschlaf

In Frankreich wird die Europameisterschaft ausgespielt. Und ich bin nicht in Europa. Ich bin nicht nur nicht in Europa, sondern ich bin in Taiwan. Für Fußball interessiert sich hier niemand, Baseball und Basketball sind viel populärer. Das wäre an sich gar kein Problem, denn dank der klugen Vermarktungsstrategie der UEFA gibt es auch hier Fernsehprogramme, die die EM übertragen. Und ARD und ZDF bieten sowieso Livestreams an. Das Problem ist nicht das Wie, sondern das Wann. Taiwan ist Mitteleuropa sechs Stunden voraus: Deutschland spielt gegen Polen um 21 Uhr in Frankreich und um 3 Uhr in Taiwan. So stelle ich mir den Wecker auf 2:50 Uhr, um rechtzeitig vom Mitternachtsschlaf aufzuwachen. Ich muss mich überwinden, aber pünktlich um 2:55 Uhr sitze ich vor dem Laptop und die Mannschaften laufen ein. Das Spiel ist unglaublich langweilig, bietet kaum Torszenen und endet 0:0. Nach dem Schlusspfiff klappe ich den Laptop sofort zu und lege mich wieder hin. Vor dem Fenster zwitschern schon die Vögel.


Wette

Wochenende, Zeit für einen Ausflug, Taiwan ist so groß wie Baden-Württemberg, jeder Ort ist schnell zu erreichen. Ramez und ich fahren Freitagabend mit Katharina und Nora aus dem Deutschen Institut nach Hualien an die Ostküste. Hualien ist sehr klein und Ausgangspunkt für Touren in den Taroko Nationalpark. Wir mieten uns am nächsten Morgen Scooter und heizen über die Insel, rechts liegt das Meer, links die bewaldeten Berge. Dann halten wir an und wollen für eine Stunde wandern gehen. Weil die Sonne scheint, klappen wir die Sitzfläche der Scooter hoch, damit später nicht die von der kurzen Hose unbedeckte Hautfläche des Oberschenkels brennt. Nach vierzig Minuten fängt ein heftiges Gewitter an. Wir sind zwar schon auf dem Rückweg, aber befürchten durchnässte Helmfächer. Katharina wettet dagegen. Taiwaner sind so freundlich, die haben die Klappen sicher zugemacht, meint sie. Wir anderen drei wetten dagegen. Wer kümmert sich denn bitte darum, dass die Helmfächer von zwei fremden Scootern trocken bleiben? Abends kriegt Katharina drei Bier ausgegeben.


WG-Gemeinschaft

Um Mitternacht ist Anpfiff vom EM-Achtelfinale Italien gegen Spanien. Ramez und ich fahren mit dem Taxi zum “Beer & Cheese House”, einer der wenigen Bars in Taipei, die mitten in der Nacht Fußball zeigen. Auf einmal merken wir, dass am Nachbartisch unser Mitbewohner Jerry aus Virginia sitzt. Er ist schon völlig betrunken und stößt fröhlich mit uns an. Wir sind nun seit fünf Wochen Mitbewohner. Wir sind noch nicht die besten Freunde, aber wir sind Mitbewohner. Nach dem Abpfiff wollen wir zu dritt ein Taxi nehmen. Also Jerry will erst einmal noch gar nicht, er will noch in der Bar bleiben und läuft hinter die Theke, um sich ein Bier zu zapfen, aber die Barkeeper schaffen es schließlich, den letzten verbliebenen Gast vor die Tür zu schieben. Ramez setzt sich direkt nach vorne, Jerry und ich sitzen auf der Rückbank. Auf einmal zündet er sich neben mir genüsslich eine Zigarette an. Der Taxifahrer bleibt zum Glück entspannt, er atmet nur einmal tief durch. Dann tickt mich Jerry von der Seite an. “Hey man, are you also as tired as me?”, lallt er mir ins rechte Ohr. Joa, ich bin auch schon ziemlich müde, sage ich. Jetzt starrt mich Jerry an. “Man”, ruft er laut, “man, where do you actually live?” Ramez muss vorne schon laut lachen, ich versuche mich zusammenzureißen und antworte: “Next door, man… Actually, I am your flatmate.” Jetzt ist es ganz kurz still im Taxi. “Well…”, sagt Jerry, “this conversation went awkward.” Dann mustert er mich noch einmal irritiert, schweigt und lässt sich vor einem McDonald’s raussetzen.

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